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| Ausstellungstexte |
| Vertigo | Galerie Luciano Fasciati Chur
vom 10. September bis 8. Oktober 2005
Seit mehreren Jahren setzt sich Ladina Gaudenz (*1962) mit Spiegelungen und Verdoppellungen auseinander. Unter dem Titel «Vertigo» sind dabei zahlreiche Ölgemälde und Fotografien entstanden. Es geht in diesen Serien, die Landschaften, Naturdetails, städtische Innen- und Aussenräume zeigen, jedoch nicht um die einfachen Reflexe herkömmlicher Spiegel. Die Künstlerin interessiert sich vielmehr für die Verdoppelungen, Überlagerungen und Rückblendungen, wo sie zufällig entstehen: wie zum Beispiel im Wasser oder auf Glasflächen.
Ladina Gaudenz geht von einem wirklichen Ort oder Gegenstand aus, hält diesen jedoch als teilweise mehrfach gespiegelte Ansicht seiner Umgebung mit der Kamera und anschliessend mit dem Pinsel fest. Durch die Verbindung von Transparenz und Überlagerung entsteht – wie im Film bei Doppelbelichtungen – aus mehreren Ebenen ein neues Bild. Oben und unten, innen und aussen, vorne und hinten sind dabei teilweise umgekehrt oder gleichzeitig sichtbar. Die Spiegeleffekte in den Schaufensterscheiben oder im stehenden Gewässer bewirken, dass Objekte und Orte zusammenkommen, die räumlich voneinander getrennt sind, und dass Personen gemeinsam auf einem Bild erscheinen, die nichts miteinander zu tun haben. Oder dass Dinge ganz einfach verschwinden. Darüber hinaus verschieben sich die Grössenverhältnisse: klein wird gross, gross wird klein. So entsteht eine neue, eine Scheinwelt, eine zusammengewürfelte Ordnung, in der man die Orientierung verliert und die Schwindel erregt (Vertigo). Der Betrachter wird in eine Ebene jenseits des vordergründig Sichtbaren geführt. Er dringt tiefer in eine neue Wirklichkeit ein, die parallel zur anderen besteht. Die Wahrnehmung dessen, was real erscheint, wird auf den Fotografien und den gemalten Bildern hinterfragt. Die bunten Farben auf letzteren entsprechen zudem nie den Gegenstandsfarben, was den Eindruck des Unwirklichen noch verstärkt.
Als Betrachter ist man angesichts der zahlreichen Bildebenen in den Werken von Ladina Gaudenz nicht mehr sicher, welchen Standpunkt man einnimmt und was zusammengehört. Der Spiegel wurde in der Literatur und im Film vielfach als Ungeheuerlichkeit und Teufelswerkzeug gepriesen [Oscar Wilde, The picture of Dorian Gray]. Er wirft ein Bild, ohne es selbst zu sehen, ungerührt zurück. Vermeintlich objektiv, entspricht das Spiegelbild nie der Wirklichkeit, sondern entstellt oder erweitert diese. Das Reflektierte deckt sich folglich nicht mit der Wahrnehmung des Betrachters und täuscht diesen. Auch die unendliche Vervielfachung durch den Spiegel jagt Angst und Schrecken ein.
Die Idee des Spiegels, der Verdoppelung, geht beim Schaffen von Ladina Gaudenz zudem Hand in Hand mit der seriellen Arbeitsweise. Dasselbe Motiv wird mit kleinen Abweichungen bis zu einem Dutzend Mal wiederholt. Dabei wird sowohl die Idee des Gemäldes als Unikat in Frage wie auch das Verhältnis von Fotografie und Malerei zur Diskussion gestellt.
Françoise Mamie